Der Mythos der weltanschaulichen Neutralität
Seit der Aufklärung geistert die Idee durch unsere Gesellschaft, dass es möglich sei, Weltanschauungen zu vertreten, die rein vernunftorientiert und deshalb losgelöst von jedem Glauben sind. Jeder Mensch gestaltet aber sein Leben bei näherem Hinsehen aufgrund von letztgültigen Werten – und damit mit einem religiösen Ansatz.
Auf der einen Seite die exakte Wissenschaft, auf der anderen die spekulative Religion – so wird die Auseinandersetzung zwischen Denken und Glauben gemeinhin wahrgenommen. Dieser Ansicht widerspricht aber die Erkenntnis, dass alle Menschen im Grunde nach einer Reihe vorgefasster Paradigmen leben, seien sie nun Atheisten, Christen oder Agnostiker. Folglich geht es in den Auseinandersetzungen weder um Spekulation noch um exakte Forschung, sondern um ein Verhandeln unterschiedlicher Weltanschauungen. Damit befinden sich die Akteure der Diskussion auf Augenhöhe, und es wird möglich, eine fruchtbare Diskussion zu führen.
1. Wir alle leben gemäss einer Weltanschauung
Nach Aristoteles streben alle Menschen nach Glückseligkeit („Eudaimonie“). Als geglückt oder gelungen erscheint uns das Leben aber nur dann, wenn es unseren Erwartungen von dem entspricht, was Glückseligkeit bedeutet. Diesen Erwartungen geht aber schon eine gewisse Sicht der Dinge voraus. Wenn wir unser Leben in einer Welt mit anderen Menschen zum Gelingen bringen wollen, müssen wir uns darauf einstellen, wie die Welt funktioniert. Wir müssen uns eine Vorstellung von der Welt machen oder eine solche übernehmen.
Ich kann aber nie ganz sicher sein, ob eine Lebensvorstellung auch zur Glückseligkeit oder einem gelingenden Leben führen wird. Ich muss „glauben“, dass mein Leben unter dieser Vorgabe gelingt. Die Auswahl der Lebenssicht ist immer Glaubenssache. Mein Glaube hat aber erhebliche Konsequenzen, denn: wie ich glaube, so lebe ich. Meine Freiheit und damit meine Entscheidungen hängen von meinem Glauben ab, denn der bestimmt, wie ich die Welt sehe und gibt damit den Rahmen vor, in dem ich meine Entscheidungen treffe.
Bei den Grundannahmen einer Weltanschauung handelt es sich um Glaubensfragen. Sie können letztlich nicht mehr bewiesen, sondern nur noch bezeugt werden.
Da jede Weltanschauung aus vorwissenschaftlichen Annahmen besteht – also einen bestimmten Glauben darstellt –, ergeben sich einige Schlussfolgerungen: Wenn sich zwei Weltanschauungen widersprechen, stehen streng genommen immer Glaube eins gegen Glaube zwei zur Diskussion und nicht etwa Glauben gegenüber Wissen. Diese Tatsache führt auch dazu, dass wir eingestehen müssen, keine übergeordnete Position des „völligen Wissens“ zu besitzen, die es uns erlauben würde, andere Weltanschauungen letztgültig beurteilen zu können. Daher kann man in einem Diskurs höchstens die sich aus einer Weltanschauung ergebenden Konsequenzen benennen und mit jenen vergleichen, welche aus einer anderen Weltanschauung abgeleitet worden sind. Dieser Vergleich setzt aber zumindest einen gewissen Konsens über die Bewertungsmassstäbe voraus. Ohne ein gemeinsam bejahtes Set von Werten wird jede Diskussion ins Leere zu gehen.
Wichtig ist dabei, dass auch wir als Christen keine „Gottesposition“ besitzen, von der her alle Weltanschauungen abschliessend beurteilt werden könnten. Unser Erkennen ist Stückwerk. Auch wenn wir zutiefst von unserer Weltsicht überzeugt sind, erfordern weltanschauliche Diskussionen ein gewisses Mass an Demut.
Die verschiedenen Weltsichten beeinflussen mein Verhältnis zu anderen Menschen, meine Vorstellungen darüber, worauf das Leben hinausläuft und auch welche Bedeutung der Tod hat. Jeder zufällige Gedanke und auch die tiefgründigsten Lebensfragen gehen immer von einem übergeordneten Bedeutungszusammenhang aus, eben von der Weltanschauung. Wenn wir Zeitung lesen, einen Film sehen oder ein Seminar besuchen, dann werden uns direkt oder indirekt Werte und Anschauungen vermittelt. Ebenso vermitteln auch wir durch unser Reden und Handeln unsere weltanschaulichen Prämissen1. Jede und jeder besitzt eine Weltanschauung und teilt diese durch Reden und Handeln direkt oder indirekt mit.
In einer bestimmten Kultur bilden die weltanschaulichen Prämissen so etwas wie die Regeln eines Spieles. Das Spiel selber ist eine direkte Folge der zugrunde liegenden Regeln. Herrschende Weltanschauungen beeinflussen daher alle kulturellen Äusserungen einer Gesellschaft. Sie bestimmen weitgehend die öffentlichen Vorstellungen bezüglich Schule und Erziehung, Familie, Gesundheit, Politik, Kunst, religiöse Institutionen, Wirtschaft etc.
Minderheiten reagieren oft mit Rückzug auf die in einer Kultur vorherrschende Weltanschauung. Die Rückzugsstrategie („Cocooning“ – Rückzug in den Kokon) soll die unliebsamen Kontakte und Reibungen mit der abgelehnten Weltanschauung minimieren. Andere reagieren in solchen Situationen mit einer Zweiteilung ihrer Weltanschauung. Im Aussenkontakt gleichen sie sich der Umgebungsmeinung an. Im Privatraum halten sie ihre angestammte Weltanschauung hoch. Kulturellen Äusserungen einer Gesellschaft liegt immer eine vorherrschende Weltanschauung zugrunde. Vertreter von Minderheitspositionen stehen in der Gefahr, sich zurückzuziehen oder mehrere Weltbilder nebeneinander zu leben.
Wenn ich als christlich glaubende Person gegenüber einem Atheisten eine Gebetserhörung erwähne, dann wird er diese Begebenheit rein innerweltlich deuten. Und wenn ich klage, dass Gott meine Gebete nicht erhört hat, dann wird er antworten: „Klar, es gibt ja keinen Gott.“ In beiden Fällen kommt Gott in seiner Interpretation der Wirklichkeit nicht vor. Mit seinen weltanschaulichen Prämissen deutet er alle Fakten ohne die „Hypothese“ von Gottes Existenz. Das zeigt, dass uns unsere weltanschaulichen Prämissen einen Raster für die Deutung der Wirklichkeit geben. Da wir alles ausgehend von unserer Weltsicht oder im Bezugsrahmen dieser Sicht deuten, besteht die Tendenz, dass zwischen den reinen Fakten und ihren weltanschaulichen Deutungen oft nicht klar unterschieden wird.
Weil wir vorgefundene Fakten ausgehend von unserer Weltanschauung deuten, können die gleichen Fakten ganz verschiedenen Deutungen unterliegen.
Zusammenfassung |
2. Forderungen an eine zufriedenstellende Weltanschauung
Wie schon erwähnt, können wir als beschränkte Wesen nie die gesamte Realität überschauen und verstehen. Wir sind daher auf gedankliche Modelle angewiesen, um uns dem Leben stellen zu können. Diese Modelle müssen aber bestimmte Voraussetzungen erfüllen, wenn sie uns eine gewisse Sicherheit im Urteilen und Handeln vermitteln sollen.
Welterklärung
Eine zufriedenstellende Weltanschauung sollte erklären können, weshalb die Welt (der Kosmos) zu dem wurde, was sie heute ist (vgl. ontologische Frage) und auch, wie es mit dieser Welt weitergehen wird (vgl. teleologische Frage). Eine Weltanschauung muss in verschiedenen Lebensbereichen bezüglich grundlegender Fragen Antworten bereitstellen, welche es der Gesellschaft und dem Einzelnen ermöglichen, mit mehr oder weniger Erfolg in dieser Welt zu bestehen. Dabei geht es um folgende Antworten:
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- Hilfe in Krisen: Eine befriedigende Weltanschauung sollte in einer Krise (z.B. Tod eines geliebten Menschen) neue psychologische Kraft vermitteln. Hier versagt die naturalistische Weltanschauung weitgehend. Krisen treten bei Geburten, Hochzeiten, Krankheit, im Krieg und Zeiten erhöhter Verunsicherungen auf, im weitesten Sinne aber auch bei allen Gelegenheiten, in denen ein verändertes Verhalten, ein Durchbrechen der Routine gefordert wird.
- Bewertungsgrundlage: Eine Weltanschauung muss auch die Voraussetzungen für die Wertung und Beurteilung verschiedener Handlungen und Institutionen liefern (vgl. axiologische Frage). Sie muss Antworten auf die Fragen nach dem Leiden und dem Bösen geben. In den meisten Kulturen wird dieser Fragenkomplex in Bezug zum Absoluten (Gott, Götter usw.) beantwortet.
- Kompatibilität2: Nicht alle Weltanschauungen sind in der Lage, neue Phänomene einzuordnen. In einem alten Film („Die spinnen, die Götter“) wird geschildert, wie afrikanische Buschmänner die Welt nicht mehr verstehen, als ihnen eine Colaflasche „aus dem Himmel“ vor den Füssen landet. Auch in der Antike musste zuerst die mythische3 Weltsicht (vgl. Homer) überwunden werden, bevor man natürliche Erklärungen für Naturprozesse finden konnte. Eine Weltanschauung muss das Potenzial haben, Neues deuten und sinnvolle Antworten auf neue Fragen vermitteln zu können. Eine kraftvolle Weltanschauung muss auch die Eleganz der Einfachheit besitzen, welche es ihr erlaubt, in ganz verschiedenen Kulturen heimisch zu werden.
- Kongruenz4: Eine Weltanschauung muss mit der vorgefundenen Wirklichkeit übereinstimmen und sie soweit erklären, dass eine gewisse Ordnung erkennbar und damit eine Vorhersagbarkeit auch in alltäglichen Dingen möglich wird.
- Kohärenz5: Im Allgemeinen fühlt sich der Mensch unbefriedigt, wenn eine Erklärung unstimmig oder in sich widersprüchlich ist. Die Erklärung einer Begebenheit sollte in den Raum dessen passen, was als real und gewichtig angesehen wird. Eine Weltanschauung sollte daher in sich möglichst widerspruchsfrei sein.
Weltanschauliche Prämissen werden normalerweise in einem unbewussten Prozess durch die Kernfamilie und die umgebende Kultur vermittelt. Francis Schaeffer meinte, dass wir unsere Weltanschauung in der gleichen Weise vermittelt bekommen haben, wie wir in der Kindheit mit den Masern angesteckt worden sind. Man kann daher die Weltanschauung mit einer gefärbten Brille vergleichen, durch die wir die ganze Wirklichkeit betrachten, deren Vorhandensein wir aber meist nicht bewusst wahrnehmen. Treten Erfahrungen auf, die wir mit der hergebrachten Weltanschauung nicht mehr erklären können, dann werden wir vermutlich unsere Weltanschauung zu hinterfragen beginnen. Übersteigt die Menge dieser offenen Fragen ein bestimmtes Mass, dann wird unsere ganze Weltanschauung als solche in Frage gestellt und wir müssen uns aufmachen, selber nach einer angemessenen Weltanschauung zu suchen. Solche Prozesse führen im Idealfall dazu, dass ein Individuum sich zunehmend seiner Weltanschauung bewusst wird oder sich eine neue Sicht aneignet, die dann den Vorteil aufweist, durchdachter zu sein. Und durchdachte Positionen sind im Allgemeinen klarer artikulierbar, vermitteln eine grössere Sicherheit und sind daher generell über- zeugender. Denn wer nicht weiss, was er glaubt, und weshalb er das glaubt, was er glaubt, kann sich nur schwer in den heute herrschenden Diskurs über die verschiedenen Weltsichten einbringen. Und wer sich beim Lebenswichtigen nicht so weit als möglich von guten Gründen leiten lässt, sondern sich ungeprüften Meinungen überlässt oder es überhaupt möglichst offen lassen will, was ihm verlässlich erscheint, der setzt auf die Beliebigkeit. So kann man für eine kraftvolle Weltanschauung auch noch die Forderung aufstellen, dass sie möglichst durchdacht sein sollte. Das führt indirekt zur Forderung, dass man sich mit anderen Weltanschauung auseinandersetzen sollte, wenn man seine eigene profunder kennen lernen möchte. Denn: „He who knows but one worldview, knows no worldview!“ („ Wer nur eine Weltanschauung kennt, kennt keine!“)6 Es muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass auch die in diesem Kapitel erwähnten Kriterien nicht von allen Weltanschauungen geteilt werden. Auch mit diesen Kriterien können wir keine übergeordnete Position einnehmen, die uns eine letztgültige Bewertung von Weltanschauungen ermöglichen könnte.
3. Die Vielfalt von Weltanschauungen
Obwohl die verschiedenen Weltanschauungen in unzähligen Varianten auftreten, gibt es hinsichtlich ihrer Antworten bei den grossen philosophischen Fragen nur wenige grundsätzliche Unterschiede. Die Anzahl der Weltanschauungen ist daher nicht unendlich. In pluralistischen Gesellschaften scheinen sie zwar im Überfluss zu existieren, aber die Grundfragen und Wahlfreiheiten sind beschränkt. Die verschiedenen Weltanschauungen kann man mit einem Raster aus fünf philosophischen Grundthemen näher untersuchen. Diese Grundthemen basieren auf Kants vier Grundfragen der Philosophie:
- Was kann ich wissen? (Epistemologie)
- Was soll ich tun? (Axiologie)
- Was darf ich hoffen? (Teleologie)
- Was ist der Mensch? (Anthropologie)
Wir leiten von daher die folgende Gliederung für die weitere Untersuchung ab:
- Ontologie (Lehre vom Sein)
- Anthropologie (Lehre vom Menschen)
- Epistemologie (Lehre vom Wissen)
- Axiologie (Lehre von den Werten)
- Teleologie (Lehre von der Zielstrebigkeit allen Seins)
Die ontologische Frage7
Bezeichnet wird damit die Lehre vom Sein und zwar die Lehre vom Sein im Allgemeinen. Der philosophische Roman „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder beginnt mit dieser Frage: Woher kommt die Welt?
Keine Ahnung, dachte Sofie. So was weiss ja wohl niemand! Und trotzdem – Sofie fand diese Frage berechtigt. Zum ersten Mal in ihrem Leben dachte sie, dass es fast unmöglich war, auf einer Welt zu leben, ohne wenigstens zu fragen, woher sie stammte.8 |
In der Fortsetzung des Romans wird deutlich, dass es auf diese Frage zwei grundsätzlich verschiedene Antworten gibt (die pantheistische Möglichkeit wird nicht explizit erwähnt): a. die übernatürliche Position; b. die naturalistische Position.
a. Die übernatürliche ontologische Position
Sie besagt, dass alles, was existiert, von einem übernatürlichen Wesen oder einer übernatürlichen Kraft hervorgebracht worden ist. Das „Wie“ ist eine andere Frage, die innerhalb dieser Position zu unzähligen Varianten führt. Eine Möglichkeit ist die biblisch-christliche Position: Ein personales Wesen, das aus sich selber existiert, Gott, hat alles geschaffen. Gott ist Schöpfer und Erhalter der Welt (Psalm 104, 27-29). Der biblische Gott ist aber im Gegensatz zum Monismus (alles ist eine Manifestation Gottes oder ein Teil von Gott; vgl. S. 13) nicht einfach ein Teil der Schöpfung sondern jenseits von uns und ganz anders, er ist transzendent. Trotzdem handelt er immanent, d.h. in der Schöpfung. Er kann und will mit dem Menschen in Beziehung treten.
b. Die naturalistische ontologische Position
Sie geht davon aus, dass alles, was es gibt, immer schon existiert hat. Schon Parmenides (ca. 540-480 v. Chr.) sagte: „Nichts kommt von nichts. Etwas ist. Also war immer schon etwas9.“ Aber dieses Etwas, sagt der Naturalist, ist nicht ein transzendenter Schöpfer, sondern die Materie des Kosmos selbst. In irgendeiner Form hat alle Materie (Energie) des Universums immer schon existiert. Der Kosmos ist nicht aus zwei Dingen zusammengesetzt, aus Materie und Verstand (Geist, Information). Vielmehr sagt La Mettrie (1709- 1751): „Im ganzen Universum gibt es nur eine einzige Substanz in verschiedenen Abwandlungen.“10 Der Kosmos ist also letztlich ein Ding ohne jede Beziehung zu einem jenseitigen Wesen. Es gibt keinen „Gott“, keinen „Schöpfer“. Ausgehend von der ewigen Materie hat eine natürliche Kraft, z.B. das Selbstorganisationsprinzip (die „Natur“), Zufall und Zeit alles, was ist, entstehen lassen.
Die Beantwortung der bisher aufgeworfenen ontologischen Frage beeinflusst weitgehend die folgenden Positionen. Sie wird daher in einem eigenen Kapitel behandelt (vgl. weiter unten: Das Modell von Clouser).
Die anthropologische Frage11
Wenn man die ontologische Position konsequent auf das Menschenbild anwendet, ergeben sich bezüglich der dafür grundlegenden Frage nach der Personalität des Menschen nur zwei Positionen: a. der Mensch besitzt Personalität; b. der Mensch hat keine Personalität.
a. Der Mensch besitzt Personalität
Wenn die Materie die primäre bzw. höchste Wirklichkeit ist, dann ergibt sich daraus, dass auch Personalität nur scheinbar gegeben ist. In diesem Fall sind nämlich die personalen Merkmale Geist, Vernunft, freier Wille u.a. nur noch komplexe Erscheinungen der ewigen Gesetze der Materie. Und das ist nicht das, was man unter echter Personalität versteht. Wenn Carl Sagan in seinem Werk "Unser Kosmos" (1991) sagt, die Materie sei alles, was je existiert habe oder je existieren werde, dann ist er gezwungen, eine Reihe von für ihn unerklärlichen Phänomenen einfach unter den Teppich zu kehren – darunter auch die Personalität des Menschen. Voraussetzung dafür, dass der Mensch Personalität besitzt, ist deshalb eine übernatürliche ontologische Position. Zudem muss das übernatürliche Wesen, das am Anfang des Seins steht, selber personal sein. Eine Möglichkeit, die diesen Ansatz vertritt, ist die biblisch-christliche Position: Der Mensch wurde als Ebenbild Gottes erschaffen und besitzt daher Persönlichkeit, Selbsterkenntnis, Intelligenz, Sittlichkeit, Gemeinschaftssinn und Schöpferkraft. Durch den sogenannten Sündenfall wurde diese Ebenbildlichkeit getrübt, jedoch nicht so sehr ruiniert, dass sie nicht wieder hergestellt werden könnte.
b. Der Mensch hat keine Personalität
Alle ontologischen Positionen, welche eine unpersönliche Kraft an den Anfang stellen, müssten konsequenterweise die Personalität des Menschen verneinen. Im östlichen Monismus12 (Hinduismus, Buddhismus etc.) ist der Eindruck von Personalität eine Folge der fehlenden Erleuchtung. Diese Illusion gilt es zu überwinden.
Aufgrund der naturalistischen ontologischen Position kann man die Personalität, wenn man überhaupt mit ihr rechnet, letztlich nicht erklären. Wenn nämlich alles, was existiert, Materie oder Energie ist, und wenn der ganze Kosmos gemäss dem Prinzip der Gleichförmigkeit von Ursache und Wirkung in einem geschlossenen System funktioniert, dann ist der Mensch nur Teil eines Mechanismus, ein Spielzeug – zwar kompliziert, aber eben nur ein Spielball unpersönlicher kosmischer Kräfte. Sein Selbstbewusstsein ist dann nur eine Begleiterscheinung, nichts anderes als ein Teil jenes Mechanismus, denn es gibt kein „Selbst“ ausserhalb dieses Mechanismus. Es gibt kein „Ego“, das dem System „gegenüber steht“ und es nach seinem eigenen Willen gestaltet. Der menschliche „Wille“ ist letztlich der Wille des Kosmos. Der Mensch hat keine Möglichkeit, bedeutungsvoll zu handeln. Je nach wissenschaftlicher Modellvorstellung ist er eine durch die Erbsubstanz definierte elektrochemische Maschine, oder er ist nur ein Rädchen im Getriebe einer ihn umgebenden Maschine, so oder so aber „Jenseits von Freiheit und Würde“, wie es B. F. Skinner in einem Buchtitel ausdrückt.
Die epistemologische Frage13
Epistemologie ist die Lehre vom Wissen, sie befasst sich mit den verschiedenen Erkenntnistheorien. Ihr Gegenstand ist die Frage nach der Wahrheit, nach der Erkenntnismöglichkeit von Wahrheit und nach den Erkenntnismitteln.
Wahrheitserkenntnis
Die Frage nach dem Erkennen von Wahrheit lässt grundsätzlich betrachtet nur zwei Möglichkeiten offen (wobei zu beachten ist, das der Begriff “Wahrheit“ nicht immer gleich definiert wird): a. absolute Wahrheit oder Teile davon sind dem Menschen prinzipiell zugänglich; b. absolute Wahrheit ist dem Menschen nicht zugänglich oder existiert gar nicht.
Erkenntnismittel
Bei der Frage nach den Erkenntnismitteln kann man zwischen zwei Hauptkategorien unterscheiden: a. Irgend eine Macht, die grösser ist als der Mensch, hat sich mitgeteilt (in der biblisch-christlichen Weltanschauung z.B. ein persönlicher Gott). b. Der Mensch ist bei der Wahrheitsfindung auf sich selber angewiesen, seine Sinne (und deren Verlängerung im naturwissenschaftlichen Experiment), seinen Verstand und seine Intuition. Die Verabsolutierung der Sinneswahrnehmung als Erkenntnisquelle führte zum klassischen Empirismus (Th. Hobbes 1588-1679; J. Locke 1632-1677 u.a.), die Absolutsetzung des Verstandes dagegen zum Rationalismus (R. Descartes 1596-1650; B. Spinoza 1632-1677; G. W. Leibniz 1646-1716). Wenn absolute Wahrheit auf der Grundlage der Intuition erfasst werden soll (Mystizismus), setzt das voraus, dass der Mensch eins mit dem Absoluten ist oder sein kann. Dies wiederum setzt eine monistische ontologische Position voraus. Unter der Voraussetzung, dass dem Menschen nur innerweltliche Erkenntnisquellen zur Verfügung stehen, kommt die Philosophie zum Schluss: Das Einzige, was der Mensch sicher wissen kann, ist, dass er nichts sicher wissen kann. „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ (Sokrates). Der kritische Rationalismus von Karl Popper zeigt auf, dass alle Versuche, eine Aussage oder einen Gedanken vernünftig zu begründen, letzten Endes scheitern müssen. Laut Hans Albert, einem Schüler Poppers, gibt es nur drei verschiedene Begründungsmöglichkeiten und alle drei enden in einer inakzeptablen Sackgasse:
- der unendliche Regress (die unendliche Begründungsleiter)
- der Zirkelschluss (die Katze beisst sich in den Schwanz)
- der mehr oder weniger willkürliche Abbruch des Begründungsverfahrens („Das ist doch einfach so!“ – „Das leuchtet doch ein!“)
Die axiologische Frage14
Die axiologische Frage dreht sich um das Problem der Wertfindung. Woher lässt sich ein Wert ableiten? Was hat den höchsten Wert? Wie bewerte ich? Drei Positionen sind dabei von grösserer Bedeutung:
a. Theistische Axiologie (Gott ist der letzte und höchste Wert);
b. Humanistische Axiologie (Der Mensch ist das Mass aller Dinge);
c. Materialistische Axiologie (Die Materie ist der höchste Wert).
Das humanistische Dilemma
Wenn man die übernatürliche Position aufgibt, besitzt man keine Möglichkeit mehr, die Werte von etwas Absolutem her abzuleiten. Der Mensch als das Mass aller Dinge ist jedoch in einer naturalistischen Sichtweise nur ein Zufallsprodukt. Aus Zufall lassen sich aber keine begründeten Werte ableiten. Ohne transzendente Ontologie kann man das Gute nicht vom Sein ableiten. Da man aber erkannt hat, dass das Überleben der Gesellschaft als Ganzes wie auch des einzelnen Individuums nur möglich ist, wenn ein minimaler Konsens über Grundwerte gefunden werden kann, macht man sich, ausgehend von verschiedenen Ansätzen, auf die Suche nach Werten. Ein möglicher Ansatz ist in der „Soziologischen Ethik“ zu finden: Was in einer Gesellschaft momentan 50% plus eine Person für recht halten, wird zur gültigen Norm erhoben. Bei diesem System ist mit Recht eine grosse Werte-Unsicherheit zu erwarten. Daher wird die Aufgabe der Wertedefinition auch häufig delegiert, z. B. an Philosophen, Politiker, Wissenschaftler, „Gurus“ etc.
Schlagwortartig im Folgenden zwei weit verbreitete heutige Wertvorstellungen:
Relativismus: Es gibt keine letzten Werte, oder wenn es sie gäbe, wissen wir nicht, wie wir uns auf sie beziehen können.
Subjektivismus: Wenn Werte bestimmt werden müssen, dann soll jedes Individuum selber seine Werte bestimmen können.
Die allgemein gültigen Werte unserer Gesellschaft heissen heute Wohlstand und persönliche Freiheit als Ungebundenheit bis hin zur Verantwortungslosigkeit: keiner soll mir dreinreden, jeder kann auf seine Weise glücklich werden.
Die teleologische Frage15
Teleologie ist die Lehre von Zweck und Ziel. Für unseren Zweck reicht es, die drei wichtigsten Positionen zu erwähnen:
a. Es gibt überhaupt keine Zielgerichtetheit in der Welt oder der Geschichte.
b. Irgend eine noch nicht erkannte natürliche Kraft gibt die Richtung an.
c. Ein höheres Wesen (z.B. Gott) ist letztlich die Richtung gebende Gewalt.
Es gibt keine Zielgerichtetheit
Bei Aristoteles (384-322 v. Chr.) war der Zweck eine der vier Ursachen des natürlichen Geschehens. Schon die antiken Atomisten eliminierten aber den Zweck aus ihrer Theorie. Die kosmische Dynamik wurde ausschliesslich durch zufällige Bewegtheit der Atome erklärt. Das mechanistische Weltbild der Neuzeit reduzierte dann die Natur auf Quantität (Masse) und Bewegungsimpulse. Das materielle Universum wurde als eine grosse Maschine betrachtet, die nach rein mechanischen Gesetzen funktioniert. Für Descartes waren auch Pflanzen und Tiere Maschinen, der menschliche Körper ebenfalls, mit dem einzigen Unterschied, dass der Mensch zusätzlich eine Seele habe. Da sich das Wissenschaftsideal der modernen Naturwissenschaften lange an diesem Weltbild orientiert hat, geriet die Teleologie und damit die Rede von Ziel und Zweck in der Natur in Misskredit.
Es mag nützlich sein, in der naturwissenschaftlichen Forschung Modelle zu verwenden, die ausschliesslich berechenbare Grössen enthalten, und bei denen folglich die Teleologie keine Rolle spielt. Es wäre jedoch falsch zu meinen, die Eliminierung der teleologischen Frage aus einem bestimmten naturwissenschaftlichen Modell bedeute die Eliminierung des Zwecks aus der Natur. Im Grunde muss jede Wissenschaft voraussetzen, dass das Wirkliche vernünftig, ein teleologisch geordneter Kosmos und kein Chaos ist. Das Streben nach systematischer Erklärung der Beobachtungen setzt voraus, dass die Natur selbst so beschaffen ist, dass sie es möglich macht, in ihr Gesetzmässigkeiten zu entdecken. Selbst der extremste Mechanismus setzt voraus, dass die Natur ein Ordnungsganzes ist, das man (zumindest modellhaft) mechanistisch erklären kann.
Das Aufgeben der teleologischen Frage führt konsequenterweise dazu, dass die Geschichte, die Welt kein Ziel hat. Sie geht irgendwo hin. Was bleibt, ist Absurdität und Hoffnungslosigkeit. Man beachte, dass auch hier die ontologische Frage eine Vorentscheidung darstellt.
4. Das Modell von Roy A. Clouser16
In seinem Buch „The Myth of Religious Neutrality“ (Der Mythos religiöser Neutralität17) zeigt Clouser überzeugend, dass immer eine weltanschauliche Glaubensvorstellung die Bildung von Theorien beeinflusst. Und zwar so sehr, dass man die Unterschiede der sich konkurrierenden Theorien auf ihre unterschiedlichen Glaubensvorstellungen zurückführen kann. Er sagt, dass es keine weltanschaulich oder religiös neutralen Theorien gibt und dass, wer an eine Theorie glaubt, immer auch religiöse Vorstellungen hat. So gesehen besitzen alle Menschen religiöse Vorstellungen irgendeiner Art. Doch was ist eine religiöse Vorstellung oder ein religiöser Glaube?
Was ist Religion?
Wie definiert man Religion? Was macht einen Glauben zu einem religiösen Glauben, im Unterschied z. B. zum Glauben, dass am nächsten Freitag Zahltag ist? Man kann leicht eine Liste erstellen, die verschiedene Religionen enthält, und die von den meisten Menschen anerkannt würde. Es ist aber äusserst schwierig, aus dieser Liste etwas herauszufiltern, das alle diese Religionen, aber eben nur die Religionen miteinander teilen.
Wenn man als gemeinsames Merkmal das Vorhandensein eines ethischen Systems postuliert, dann findet man das nicht in allen Religionen (z.B. Japanischer Shintoismus), aber man findet es auch in Nicht-Religionen wie z. B. im Pfadfinderhandbuch. Auch inspirieren nicht alle religiösen Glaubensvorstellungen zur Anbetung. So postulierte z. B. die alt- ägyptische Religion Götter, die sich überhaupt nicht um die Menschen kümmern. Das Wissen um diese Götter war im besten Fall interessant für die Menschen. Auch heute gibt es Formen von Hinduismus und Buddhismus, die keine Gottesverehrung kennen.
Die vielleicht populärste Definition einer Religion lautet: Religion ist Glaube an eine höhere Macht. Viele glauben, dass diese Definition alle Religionen abdecke und glauben sogar, dass alle Menschen dasselbe höhere Wesen anbeten – nur unter verschiedenen Namen. Der Hinduismus definiert Brahman aber nicht als Seiendes. Es ist das Sein, das in allen Wesen ist und das alle Wesen möglich macht. So kann das Brahman nicht Gott genannt werden. Der Buddhismus geht noch weiter und sagt, dass das Andere nicht seiend sondern ein Nichts sei. Obwohl all diese Religionen an irgend etwas Göttliches glauben, ist das nicht bei allen ein höheres Wesen, nicht einmal etwas Seiendes.
Clouser geht in der Folge weiteren möglichen Definitionsversuchen nach und kommt zu den folgenden Schlüssen. Alle Religionen scheinen sich um etwas zu gruppieren, das wir als göttlich bezeichnen können. Sie unterscheiden sich aber sehr in dem, was man darunter zu verstehen hat. Es ist daher hilfreich, zu unterscheiden zwischen der Beschreibung des göttlichen Status und dem, was oder wer diesen Status inne hat. Clouser greift dabei auf eine Definition zurück, die schon die alten Griechen verwendet haben:
Das Göttliche ist das, von dem alles andere abhängt, das aber selber nicht von irgend etwas anderem abhängig ist. Es existiert aus sich selber18. Die Pythagoräer z.B. glaubten, dass Zahlen die göttliche Realität ausmachten. Und weil die Zahl 1 von keiner anderen abhängig ist, war sie die höchste. Es gibt ein Gebet zur Zahl eins. Für Platon gab es Ideen, die aus sich selber existieren und daher göttlich sind. Aristoteles definierte das Göttliche als etwas, das unabhängig von allem anderen existieren kann und das das erste und wichtigste Prinzip ist, von dem alles andere abhängt.
Wenn man definiert, dass jemand, der religiös ist, an einen Retter glaubt und etwas anbetet, dann gibt es viele, die nicht religiös sind. Wenn man aber sagt, dass das Wesentliche einer religiösen Vorstellung der Glaube an etwas ist (wer oder was auch immer es ist), das unabhängig existiert und von dem alles andere abhängt, dann sind alle Menschen religiös. Somit kann man sagen, dass alle Weltanschauungen einen religiösen Kern besitzen.
Damit können wir zusammenfassend wie folgt definieren: |
Pantheismus
Pantheistische Weltanschauungen gehen davon aus, dass alles göttlich ist und es keine nicht-göttliche Realität gibt. Im Hinduismus z.B. wird einerseits gesagt, dass alles göttlich sei, dass aber unsere Erfahrungen, die uns vortäuschen, dass Dinge verschwinden, Illusionen seien. Es wird also zwischen einer göttlichen Seinsebene und einer nicht-göttlichen Welt der Illusionen unterschieden. Auch der Theravada Buddhismus, der sagt, dass es keinen Gott gibt, kann gemäss unserer Definition als Religion bezeichnet werden. Denn diese Form des Buddhismus glaubt, dass das Nichts, in das alles zurückkehren wird, nicht von irgend etwas anderem abhängig ist – also gemäss unserer Definition göttlich ist.
Materialismus
Eine materialistische Weltanschauung geht davon aus, dass es nur Materie und Energie gibt. Sie bezeichnet also Materie als selbstexistent (göttlich) und alles andere als davon abhängig (nicht-göttlich). Sie ist gemäss unserer Definition also auch ein religiöser Glaube, obwohl sie die subatomaren Teilchen nicht anbetet.
Sekundäre Glaubensinhalte
Es ist klar, dass es in jeder Religion ganz zentrale Glaubensinhalte gibt, die nicht in dieser Definition enthalten sind. Clouser bezeichnet sie als "Sekundäre Glaubensinhalte". Sie können am besten umschrieben werden mit den Inhalten, die festlegen, wie man in eine richtige Beziehung zum Göttlichen kommt, wie auch immer das Göttliche gestaltet ist.
Man kann also sagen, ein religiöser Glaube ist:
- ein Glaube an irgend etwas Göttliches und
- ein Glaube, der beschreibt, wie Menschen in eine rechte Beziehung zum Göttlichen gelangen. Der zweite Glaube ist sekundär, weil er auf dem ersten beruht.
Clouser bietet weitere hilfreiche Definitionen, in denen er Begriffe wie Glauben und Vertrauen definiert. Glauben und Vertrauen werden gebraucht, um eine Handlung zu beschreiben, die eine persönliche Beziehung zu dem bezeichnet, was geglaubt wird. Es gibt auch nicht-religiösen Glauben, bei dem wir von Vertrauen sprechen. So sagen wir z.B., dass wir der Wettervorhersage vertrauen. In diesem Beispiel handelt es sich deshalb nicht um religiösen Glauben, weil es weder um Vertrauen in etwas geht, das selbstexistent ist, noch um die Frage der rechten Beziehung zu dem, was selbstexistent ist.
Bei einem religiösen Glauben ist das Objekt des Vertrauens bedingungslos vertrauenswürdig. Nicht-religiöser Glaube beinhaltet immer die Einschränkung, dass das Objekt des Glaubens durch verschiedene Umstände beeinflusst werden kann. Nicht beeinflussbar und daher bedingungslos vertrauenswürdig kann nur etwas sein, das selbstexistent ist. Hier können unsere Gefühle sehr täuschen. Wir können uns sicher fühlen bei etwas, das eigentlich nicht uneingeschränkt vertrauenswürdig sein kann, andererseits aber gegenüber Gott, der selbstexistent ist, zweifeln.
Zusammenfassung Alle Religionen besitzen im Zentrum ihrer Vorstellungen etwas, das den Status der Göttlichkeit besitzt. In der Vorstellung darüber, was diesen Status einnimmt, unterscheiden sie sich aber sehr, ebenso in der Vorstellung von der Beziehung dieses Selbstexistierenden zu allem Übrigen, sowie in den Anleitungen, die gegeben werden, um mit dem Göttlichen in eine rechte Beziehung zu kommen. |
Die drei Grundtypen religiöser Systeme
Clouser hat nun untersucht, wie in den verschiedenen religiösen Systemen das Nichtgöttliche vom Göttlichen abhängt. In der Betrachtung dieses religiösen Elementes hat er drei verschiedene Abhängigkeitsverhältnisse unterschieden (im Gegensatz zu anderer Literatur, in der bis zu 14 Abhängigkeiten unterschieden werden).
Clouser beschreibt die folgenden Typen:
- a. der pagane (naturalistische) Typ (viele Stammestraditionen, Materialismus)
- b. der pantheistische (monistische) Typ (Hinduismus, Buddhismus, Formen des Taoismus)
- c. der theistische Typ (Judentum, Christentum, Islam)
a. Der pagane oder naturalistische Typ
Zentral ist hier, dass das Göttliche, von dem alles andere abhängt, als Teil, Aspekt, Kraft oder Prinzip innerhalb des Universums angesehen wird. Es ist also eine Teilmenge der gesamten Realität. Unter diesen Glaubenstyp fallen z.B. Naturreligionen, welche die Sonne, die Flüsse etc. anbeten. Eine der meist verehrten Gottheiten der alten Welt war jene, die Macht über die Stürme hatte. Im Nahen Osten wurde sie Ba’al genannt, bei den Griechen Zeus, bei den Römern Jupiter.Obwohl dieser Glaube mit seiner Form der Anbetung dieser Göttlichkeit durch das Aufkommen der grossen Weltreligionen und der Wissenschaft stark zurückgedrängt worden ist, blieb er bis heute eine treibende Kraft, allerdings nicht in der Form einer Anbetung oder als „Gottesdienst“. Viele heutige Philosophien und wissenschaftliche Ansichten gehören zu diesem Glaubenstyp. So z.B. die Ansicht, dass Zahlen selbstexistent sind. Auch die Ansicht, dass Energie und Materie selbstexistent sind, ist ein nichtritualer, religiöser Glaube, wie etwa der Marxismus. Hier ist die Materie selbstexistent und besitzt in sich selber die Gesetze der dialektischen Entwicklung. Die ganze Realität ist entweder Materie oder hängt von ihr ab.Die in der Menschheitsgeschichte häufigste Form des paganen Glaubenstyps ist die Vorstellung, dass es zwei göttliche Prinzipien oder zwei Gruppen von Göttlichem gibt, was man Dualismus nennt (Yin-Yang, Zoroastraner).Eine der einflussreichsten dualistisch-paganen religiösen Ansichten vertraten die Griechen. Sie unterschieden zwei Göttlichkeiten: - die Materie, aus der alles ist und - die Form: das Prinzip, das alles in eine Ordnung bringt, was wir als Welt wahrnehmen können.Einige dachten sich diese Gesetze der Form als logische Gesetze, andere als mathematische (z.B. Pythagoras). Gemäss dieser Ansicht besteht der Mensch aus Materie und Form. Diese beiden stehen miteinander im Kampf. Aus der Nichtunterwerfung unter die Form entsteht die Unordnung und das Böse. Mit dieser Sicht geht die Vorstellung einher, dass der Leib und die Gefühle als Teil der Materie weniger wert sind als der Intellekt, der Teil der Form ist.
b. Der pantheistische oder monistische Typ
Das Göttliche ist hier nicht eine Teilmenge der gesamten Realität, sondern umgekehrt ist das Nichtgöttliche eine Teilmenge des Göttlichen. Im heidnischen Glauben kann man gut zwischen göttlich und nichtgöttlich unterscheiden, nicht aber im pantheistischen Typ. Die Unterscheidung zwischen etwas Göttlichem und etwas Nichtgöttlichem wird nicht gemacht.Man unterscheidet zwischen dem Göttlichen und der Illusion, die besagt, dass eine nichtgöttliche Realität existiere. Alle religiösen Übungen zielen darauf hin, dass der Mensch in einem mystischen Erlebnis dieser Illusion gewahr wird und sie so überwindet. Logische Widersprüche werden als irrelevant angesehen, da die Logik nur aus der illusorischen Welt stammt. Logisches Denken hindert sogar das mystische Erleben der Einheit von allem. Im paganen Glauben wird gesagt, dass der Mensch falsch liege, wenn er nicht erkennt, dass das göttliche Prinzip, welches die Weltordnung erzeugte, auch seinen Verstand leitet. Daher soll der Mensch die Impulse der Emotionen überwinden, indem er die Rationalität zum höchsten Wert macht. Die pantheistische Sicht sagt gerade das Gegenteil: Der Fehler der Menschen ist der, dass sie noch in der Welt der Sinne und der Rationalität verhaftet sind. Die Alltagserfahrung muss zugunsten des mystischen Erlebnisses hinter sich gelassen werden, ganz nach dem Motto: Verändere nicht die Welt, sondern deine Wahrnehmung, indem du die Welt verwirfst.
c. Der theistische Typ
Der Schöpfer, der ausserhalb der Schöpfung existiert, hat das Universum aus dem Nichts erschaffen. Das Göttliche ist nicht Teil des Universums, noch ist das Universum Teil des Göttlichen. Es gibt also eine fundamentale Trennung zwischen dem Göttlichen und allem anderen. In der Folge erhöht die biblische Tradition nichts in der Schöpfung bis zur Göttlichkeit, noch erniedrigt sie die Schöpfung zur Illusion. Die Schöpfung ist wichtig, weil in ihr die Menschen den Raum finden, um in der Gemeinschaft und der Nachfolge Gottes zu leben. Es gibt aber nichts, das nicht von Gott abhängig wäre. Alles, was nicht Gott ist, wurde von Gott ins Dasein gerufen.Gott kann daher nicht durch Erforschung des Universums oder durch mystische Schau erkannt werden. Gott muss sich offenbaren. Die biblische Tradition gründet im Glauben, dass Gott dem Menschen eine intelligible, d.h. durch die Vernunft erkennbare Offenbarung seiner Beziehung zur Schöpfung und im Speziellen zum Menschen geschenkt habe. Diese Sammlung von Lehren ist die massgebende Autorität für alles Wissen über Gott und die meisten wichtigen Wahrheiten über den Menschen. Auch die sekundären Glaubensinhalte sind dort zu finden, also die Bedingungen für die rechte Beziehung zu Gott, der Vertrag (Bund) sozusagen, durch dessen Unterzeichnung die Menschen Mitglieder des Königreiches Gottes werden.Gotteserfahrungen sind nie rein mystischer Art, also keine direkten Erfahrungen des Göttlichen. Immer sind die Erfahrungen durch die Schöpfung vermittelt, der Gläubige ist selber daran beteiligt. So führen diese Erfahrungen auch nie zu einer Vereinigung mit Gott. Dem Individuum wird ewiges Leben geschenkt, nicht die Auflösung in Gott. Obwohl Gott alles Verstehen immer bei weitem übersteigt, können die Menschen Wahrheit von Gott und über Gott erkennen, weil Gott zwei Dinge getan hat: Er hat das Universum so strukturiert, dass es über sich hinaus auf den transzendenten Ursprung verweist. Und zudem hat er sich in seiner Offenbarung der menschlichen Erfahrung und dem menschlichen Verstand angepasst. In seiner Annäherung im Verlauf der Geschichte hat er mit den Menschen kommuniziert, und es ist ein geschriebener Bericht dieser Annäherung – die Bibel – entstanden. Eine Erfahrung Gottes ist daher immer durch seine Offenbarung vermittelt und nicht die Folge einer eigenen Anstrengung des Menschen. Im Gegensatz zu den östlichen Meistern oder Gurus, welche durch eigene Anstrengung das Göttliche erfahren, sind die biblischen Propheten von Gott erwählt, um seine Botschaft zu verkünden. Daher ist die Erfahrung nie letzte religiöse Autorität, immer ist dies Gottes Selbstoffenbarung. Das steht ganz im Gegensatz zur östlichen Religion, wo die Erfahrung das Zentrale ist. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass man sich im östlichen System ein Leben lang oder mehrere Leben lang abmühen muss, um in die rechte Verbindung mit dem Göttlichen zu gelangen. Nicht so im biblischen System. Auch in der Vorstellung von dem, was die menschliche Natur ausmacht, unterscheiden sich die verschiedenen Glaubenssysteme. Gemäss dem dualistischen heidnischen System besteht das Übel im Menschen darin, dass er Körper, Gefühle etc. besitzt. Im hebräischen Denken besteht der Mensch nicht aus zwei verschiedenen Dingen sondern ist eine dynamische Einheit. Sowohl die Impulse des Körpers wie auch des Geistes können je gut oder schlecht sein. So ist Sünde nicht primär etwas Moralisches, das man tut oder unterlässt, sondern ein ganz grundsätzliches Nicht-Eingehen auf die Offenbarung des Schöpfers.5. SchlusswortAls ich vor einiger Zeit mit einem alten VBG-Freund von Rasa ins Tal fuhr, meinte er zu mir: „Hast du die armen Studierenden gesehen, die in Rasa lesen und gescheit diskutieren und nicht einfach nur da sein und die wunderbare Natur auf sich wirken lassen können?“ Ich antwortete ihm, dass ich den kontemplativen Lebensstil auch sehr schätze. Wenn er aber dazu führe, dass man sich nicht mehr gedanklich mit der Welt auseinandersetzt, dann melde man sich vom Spiel der Mächtigen in dieser Welt ab. Was dann bleibe, sei ein schwacher Glaube, der in der Gesellschaft keine Rolle mehr spielt.
Gerade für Menschen, die von Gott mit intellektuellen Gaben ausgerüstet worden sind, geht es nicht an, dass sie sich in eine fromme Innerlichkeit verabschieden und die Welt dem Spiel der herrschenden Kräfte überlassen. Es steckt eine ungeheure Kraft darin, wenn man weiss, warum man etwas glaubt und auch weiss, was man glaubt, also seine Weltanschauung kennt und sie auch formulieren kann. In einem Konzentrationslager der kommunistischen UDSSR wurden die Häftlinge anhand einfacher Fragen aussortiert. Jene, die klare Vorstellungen darüber hatten, was sie glauben und was sie wollen, wurden in Sicherheitsgefängnisse überführt. Häftlinge, die ihren Glauben nicht formulieren konnten und keine grösseren Ziele in ihrem Leben verfolgten, wurden als ungefährlich eingestuft und in die normalen Gefängnisse gebracht. Menschen mit klaren Überzeugungen haben Einfluss und können ihre Umgebung mitprägen.
Die VBG möchte durch Schulung und Evangelisation integriertes Christsein fördern. Das verpflichtet uns, dass wir unsere Schüler, Schülerinnen und Studierenden mit den denkerischen Grundlagen der biblisch-christlichen Weltanschauung ausrüsten müssen. Wenn heutige Menschen an die Untersuchung des christlichen Glaubens gehen, dann meist mit dem Vorurteil, Wahrheit sei lediglich relativ, subjektiv, innerlich und das Gefühl sei die tiefere Quelle des Glaubens.
In der Tat scheint es, dass Christen ihren Glauben oft hinter Empfindungen und leeren Phrasen kaschieren und echten intellektuellen Problemen aus dem Wege gehen, als seien sie lediglich Ablenkungsmanöver von tieferen moralischen Problemen. Zu viele sind bereit, irgendeinen Glauben zu vertreten. Wenige besitzen so viel Vertrauen ihrem Glauben gegenüber, dass sie es wagen, ihn auch intellektuell zu prüfen. Damit wird ihr Glaube aber an einer empfindlichen Stelle angreifbar. Wenn es nämlich für die christlichen Wahrheitsbehauptungen keine ausreichende Grundlage gibt, dann kann es sich dabei höchstens um einen weiteren esoterischen Trip handeln, nicht aber um Wahrheit.
Wenn Christen diese denkerischen Grundlagen nicht erworben haben, wird ihr Glaube im öffentlichen Diskurs oft arg zerzaust und es kann sogar so weit kommen, dass der Glaube Schiffbruch erleidet. Christen mit dieser Art von schwachem Glauben können nur noch deshalb beim Christentum bleiben, weil sie sich an einen schizophrenen Glauben klammern, den sie für religiös wahr halten, ohne ihn gedanklich, geschichtlich und psychologisch verifizieren zu können. Solcher Glaube aber ist kulturell irrelevant. Er besitzt seine Gültigkeit ja nur noch im frommen Kreise, aber nicht mehr in der öffentlichen Diskussion.Wie schon erwähnt, ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Weltanschauung nur möglich im Vergleich mit anderen Weltanschauungen. Meine eigene Brille erkenne ich erst, wenn ich den Standpunkt wechsle. Die Kenntnis der verschiedenen weltanschaulichen Grundlagen kann auch vor falschen Berührungsängsten schützen und hilft, zwischen wesentlichen Differenzen und Unterschieden in Details zu unterscheiden.
In Römer 12,2 fordert uns Paulus dazu auf, unser Denken zu erneuern und uns nicht dem Zeitgeist anzupassen. Unser Denken können wir nur erneuern, wenn wir immer wieder selbstkritisch fragen, was eigentlich unsere Massstäbe des Denkens sind und wohin sie uns führen. Nur dann haben wir als denkende Menschen und Christen unsere Hausaufgaben gemacht.
1 Prämissen sind Sätze, von denen man in seinem Denken und Handeln ausgeht, die man für wahr oder zumindest für wahrscheinlich hält. In der Wissenschaft nennt man sie auch Hypothesen. Hier sind Sachverhalte gemeint, welche noch nicht nachgewiesen sind, die aber vorerst als richtig erachtet werden, bis das Gegenteil bewiesen ist.
2 Vereinbarkeit
3 Ein Mythos ist eine Göttererzählung, die erklären will, warum das Leben so ist, wie es ist.
4 Übereinstimmung
5 Stimmigkeit
6 Burnett, David. "Clash of Worlds." S. 36
7 griechisch on, ontos: das Seiende; logos: Lehre
8 Gaarder, Jostein. "Sofies Welt." S. 12
9 aus dem Lehrgedicht "Über die Natur", aus Fragment 8
10 La Mettrie. "L'Homme Machine", 1748. "Der Mensch – eine Maschine." S. 108 (vgl. bibliothek.bbaw.de/quellendigital/lamettrie/metr_homme_fr_1748/index.html
11 griechisch anthropos: der Mensch
12 Monismus nennt man den Glauben, dass trotz der vielfältigen Erscheinungen des Seins im Grunde alles eins ist.
13 griechisch episteme: Erkenntnis, Wissenschaft
14 griechisch axios: wertvoll
15 griechisch telos: Zweck, Ziel
16 Roy A. Clouser ist Professor für Philosophie und Religion am Trenton State College in Trenton USA. Seine Theologie ist beeinflusst von den holländischen Calvinisten.
17 deutsche Übersetzung von Johannes Corrodi
18 Neben Aristoteles und Plato teilen u.a. auch Mircea Eliade, Paul Tillich, Hans Küng und C.S. Lewis diese Definition.
Zuerst erschienen im Bulletin aus dem VBG-Institut 1/2007




